Israel Jacobson

Israel Jacobson wurde am 17.10.1768 in Halberstadt in eher bescheidenen Verhältnissen als Sohn des angesehen Kaufmanns Jacob Israel Jacobson (*1729; 1803) geboren. Er wurde von seinem Vater streng orthodox erzogen und besuchte hauptsächlich jüdische Schulen, da die Ausbildung der öffentlichen Schule in Halberstadt eher mangelhaft war. Anfangs studierte er nach Wunsch seines Vaters Theologie, später wandte sich Jacobson dem Kaufmannsstand zu.
Im Alter von 19 Jahren zog er als Handlungsgehilfe nach Braunschweig, wo er ein Bankgeschäft gründete und so schnell ein beachtliches Vermögen erwirtschaftete. Außerdem verlobte er sich mit der Enkelin Philip Samsons, dem Kammeragenten am Hof des Braunschweiger Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand und Landrabbiner für den braunschweigschen Weserdistrikt (heute die Landkreise Gandersheim und Holzminden). 1795, also im Alter von 27 Jahren, nach dem Tod seines Schwiegervaters, trat Jacobson dessen Nachfolge als Kammeragent und Landrabbiner an.

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Israel Jacobson

Da ihn seine Tätigkeit als Landrabbiner auch in kleine jüdische Gemeinden führte, deren Verhältnisse und besonders deren schlechte Perspektiven für die jüdische Jugend ihn erschreckten, reizte es ihn, diese Verhältnisse durch eine jüdische Erziehungsanstalt zu verbessern. Denn obwohl Bildung bei Juden sehr hoch bewertet wurde, war die Schulsituation für jüdische Kinder, vor allem auf dem Land und in Kleinstädten, eher mangelhaft. Die jüdischen Kinder durften keine christlichen Schulen besuchen, doch vor allem kleine Gemeinden hatten oft zu wenig Geld, um ausgebildete Lehrer zu bezahlen. Deshalb lernten die Kinder anhand religiöser Schriften nur das Lesen und Schreiben des Hebräischen. Nur wenige Juden sprachen mehr als einige Worte Hochdeutsch, ihre Umgangssprache war Jiddisch.
Darum gründete Jacobson im Juli 1801 das "Institut für arme Juden-Kinder" in Seesen. Mit seiner Schule wollte er die Lebensverhältnisse jüdischer Kinder erheblich durch eine bessere beziehungsweise gründlichere Ausbildung langfristig verbessern. Er wählte Seesen als Standort seiner Schule, da es einmal innerhalb seines Landrabbiner Bezirkes lag und dann, weil er mit dem örtlichen Gerichtsschulheißen Carl Friedrich Wilhelm Zincken befreundet war. Jacobson wollte eine Industrieschule gründen, das heißt, den Schülern sollte zwar Lesen, Rechnen und Schreiben beigebracht werden, es sollte ihnen aber auch eine praktische Vorbereitung auf Berufe in Handwerk und Landwirtschaft geliefert werden. Dieses Vorhaben scheiterte allerdings schon in den ersten Jahren. Denn entgegen Jacobsons Vorstellungen entwickelte sich das "Institut für arme Juden-Kinder" schon in den Anfangsjahren von einer Industrie- zu einer Allgemeinbildenden Schule.

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Innenansicht der Synagoge

Jacobson kaufte ein Budenhaus mit Hintergebäuden und einem Garten von Inspektor Friedrich Leopold Meyer an der damaligen Junkernstraße. Am 3.7.1801 genehmigte Herzog Karl Wilhelm Ferdinand den Betrieb des "Instituts für arme Juden-Kinder" in dem nun umgebauten Haus. Nach der Gründung des "Instituts für arme Judenkinder" verlieh der Seesener Magistrat Israel Jacobson als erstem Juden das Bürgerrecht. 1804 erhielten er und seine Nachkommen sogar die gleichen Rechte wie die christlichen Bürger des Herzogtums.
Vor 1810 benutzte die jüdische Gemeinde Seesens den Beetsaal im Schulgebäude. 1805 wurde im Inennhof mit dem Bau einer Synagoge begonnen. Sie wurde nach dem Vater Israel Jacobsons "Jacobstempel" genannt. Ihre Einweihung fand am 17.7.1810 mit einem gemeinsamen christlich-jüdischen Gottesdienst statt. Über dem Tempelportal verwies ein Bibelwort auf die von Jacobson angestrebte christlich-jüdische Verständigung: "Haben wir denn nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns erschaffen?" Der Jacobstempel verfügte, in Anlehnung an christliche Vorbilder, über eine Orgel. Zudem wurde hier nicht wie sonst üblich auf hebräisch sondern auf deutsch gepredigt und gebetet.
Des Weiteren wurde Jacobson 1808 an den Hof des Königs Jeromes von Westfahlen nach Kassel berufen, wo er als Präsident des neu gegründeten "Konsistoriums der Israeliten des Königreiches Westfalen" die jüdischen Gemeinden reformierte und deren Schulwesen neu organisierte. Ab 1814 siedelte Jacobson nach Berlin um, wo er seine Tätigkeiten weiter ausübte. Er verstarb in der Nacht vom 13. zum 14.9.1828 in Berlin an einem Blutsturz, wo er auf einem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee begraben wurde.
Der Schulbetrieb begann am 29.9.1801, trotz Einsprüche des Seesener Magistrats. Im Oktober 1801 bezogen dann die ersten Internatsschüler die Schlafräume.

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Ein Schlafsaal um 1900

Anfangs wurden 12 Schüler, die so genannten "Freizöglinge" unentgeltlich unterrichtet, zu ihnen kamen aber noch die so genannten "Kostgänger", das heißt zahlende Schüler aus der Stadt. Ab dem Jahre 1802 besuchten die ersten zwei christlichen Schüler die Schule, sodass die Schule später 40 jüdische und 20 christliche Kinder gemeinsam unterrichtete.
Doch die Ansprüche an die Schulbildung stiegen ständig. Infolge dessen wurden die Lehrpläne mehrmals an die Preußens angepasst, aus der Volksschule wurde eine Bürgerschule. 1862 wurde das einstige "Institut für arme Juden-Kinder" eine Realschule. Nachdem diese staatlich anerkannt wurde, stiegen um 1870 die Schülerzahlen, wodurch umfassende Umbauten nötig wurden. 1903 wurde die Schule sogar zum Realprogymnasium, von wo aus der Übergang zu einer zum Abitur führenden Schule möglich war. Aber erst 1926, nachdem sich die Stadt 1922 dazu bereit erklärt hatte, die Mehrkosten zu tragen, die durch die Einrichtung einer Oberstufe entständen, konnten erstmalig drei Schüler in Seesen ihr Abitur machen.
1933 wurde die Schule von den Nationalsozialisten übernommen. Der Direktor sowie ein Studienrat wurden in den Ruhestand versetzt und zwei weitere Lehrer entlassen. Die Schüler wurden in den folgenden Jahren unter dem neuen Direktor, einem Mitglied der SA, im Unterricht "nationalsozialistisch ausgerichtet". 1937 mussten die letzten sechs jüdischen Schüler nach wiederholten Ausschreitungen seitens ihrer Mitschüler das Institut verlassen.
1945 schloss die Schule. Doch am 12.12.1945 begann der Unterricht wieder in zunächst wenigen Räumen. Das Wohnheim der Schule bestand noch von 1953 bis 1955. Dann, im August 1972 mussten die Schüler in das neu erbaute Schulzentrum in der St. Annen-Straße umziehen. Nachdem die Stadt Seesen 1975 die alten Schulgebäude gekauft hatte, begannen sie noch im selben Jahr mit dem Abriss.

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Abbruch des Schulgebäudes 1975